2012 wäre Dr. Oskar Pohl 85 geworden

Veröffentlicht von zeitzeugenberlin am 26. February 2013

Am 17.Juni 1953 wurde ein Südtiroler von Vopos ermordet

Die Biographien der meisten Toten des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 und die Umstände, unter denen sie ums Leben kamen, sind bis heute wenig bekannt. Die Darstellung ihres persönlichen Schicksals ist ein Versuch, die Toten vor dem Vergessen zu bewahren und ihnen und ihren Angehörigen und Freunden auf diese Weise eine späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

34 Demonstranten, Passanten und Zuschauer wurden einer Studie zufolge am 17. Juni und den kommenden sechs Tagen von DDR-Volkspolizisten und sowjetischen Besatzungs-Soldaten erschossen oder starben an den Folgen von Schussverletzungen. Instanzen der sowjetischen Besatzungstruppen verurteilten fünf Menschen zum Tode und ließen sie hinrichten. DDR-Gerichte verhängten zwei Todesurteile.
Es ist am 17.Juni gegen 19.30 Uhr.

„An der Sektorengrenze Stresemann-/Ecke Prinz-Albrecht-Straße, im Terrain des Potsdamer Platzes, fallen wieder Schüsse. Der fünfundzwanzigjährige Dr. Oskar Pohl ein West-Berliner stirbt an einem Kopfschuss. Vopos nehmen den Rot-Kreuz-Wagen unter Beschuss, als sie ihm in den Westteil der Stadt brachten. Hier erlag er im Elisabeth-Krankenhaus bald seiner Verletzung.“

Der Journalist Dr. Pohl war Austauschhörer an der Freien Universität und durch das Evangelische Hilfswerk in den Westteil der geteilten Hauptstadt gekommen.
Oskar Pohl wird am 3.November 1927 in Kastelbell/Südtirol geboren. Er war promovierter Philosoph und wohnte in Berlin Grunewald.
Dr. Oskar Pohl wird nach der Trauerfeier des West-Berliner Senats auf dem Rudolph-Wilde-Platz vor dem Rathaus Schöneberg am 23.Juni 1953 auf Wunsch der Familienangehörigen nach Südtirol (zu Italien gehörend) überführt, wo er in Kastelbell/ Provinz Bozen beigesetzt wurde. Auf dem Friedhof Seestraße wurde zur Erinnerung ein Gedenkstein gesetzt.
Unliebsam fällt dort das Fernbleiben eines Vertreters des deutschen Generalkonsulats in Mailand auf.
Auf dem Friedhof Seestraße, Westteil Berlins, wird zur Erinnerung ein Gedenkstein für Oskar Pohl gesetzt.

Die Heimat von Oskar Pohl

Auf 600 m Meereshöhe, an den Steilhängen des Vinschgauer Sonnenberges und somit in den besten Lagen der westlichen Landeshälfte, befindet sich das Weingut Köfelgut, welches seit anno 1786 im Besitz der Familie Pohl ist. Das Hauptziel ist, naturbelassene, gebietstypische Qualitätsweine zu erzeugen. Das inneralpine Trockenklima und der warme, durchlässige Urgesteinsschieferboden erweisen sich als optimale Voraussetzungen dafür. Neben dem Weinkeller befindet sich zudem eine Schnapsbrennerei am Hof, die der Herstellung erlesener Tropfen dient. Auf einer kleineren Fläche werden auch Spargeln angebaut.

Höhepunkt die Reifeprüfung in Brixen

Oskar Pohl kam als zweites von fünf Kindern des Landwirtes Franz Xaver und seiner Ehefrau Elvira geborene Wind, in Kastelbell (Südtirol) Italien zur Welt.
Nach dem Besuch der italienischen Volksschule kam er mit elf Jahren an das humanistische Gymnasium in Meran. Dieser Ort wird auch als Schulstadt bezeichnet.
Im Jahre 1940 musste er dort den Unterricht unterbrechen, nachdem sich sein Vater bei der Option (1939) für Deutschland entschieden hatte. Im gleichen Jahr kam er noch in eine Schule für Volksdeutsche nach Rufach im Elsaß.
Rouffach ist heute eine französische Gemeinde im Elsaß. Dort besuchte Oskar Pohl eine sogenannte Oberschule (3. bis 6.Klasse). 1944 wurde er zum Reichsarbeitsdienst und 1945 zur Wehrmacht einberufen. Nach kurzer russischer Kriegsgefangenschaft konnte er Ende 1945 wieder heim nach Südtirol.
Dort trat er sofort in das deutschsprachige wissenschaftliche Lyzeum in Brixen ein. Im Sommer 1946 bestand er die Reifeprüfung. Im Herbst 1946 begann Oskar Pohl das Studium der Neuphilologie (Sprach- und Literaturwissenschaft) in Venedig. 1951 schloss er die Promotion zum Doktor ab.

England, Frankreich und Deutschland

Während und nach dem Studium kam Dr. Oskar Pohl nach England, Frankreich und im Frühjahr 1952 nach Deutschland. Hier war er einige Monate als Volontär in einem Stuttgarter Verlag tätig. Im Herbst 1952 begann er als Stipendiat des Evangelischen Hilfswerkes das Studium in Deutschland. Das 1.Semester besuchte er an der Universität Köln.
Hier wohnte er in der Kerpenerstraße 57.

Von Vopo mit gezieltem Kopfschuss ermordet

Am 5.5.1953 hat sich Dr. Oskar Pohl für die Fachrichtung Publizistik an der Freien Universität Berlin eingeschrieben. In Westberlin lebte er in Grunewald, Seebergsteig 24.
Im Jahre 2003 wurde der Seebergsteig in Toni – Lessler -Straße umbenannt. Hier wohnte er leider nur einen Monat und zwölf Tage.
Dr. Oskar Pohl hat sich am Vormittag des 17.Juni nach dem Brennpunkt der Ereignisse, dem Potsdamer Platz begeben, weil er für Südtiroler Zeitungen über die Ereignisse als Journalist berichten wollte. Er ist dort, als sowjetische Panzer und ostsektorale Volkspolizei das Feuer eröffnen.
Dann wurde er von einem Vopo mit einem gezieltem Kopfschuss ermordet. Dieses Verbrechen geschah vor dem „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz.
Es war eines der letzten Schüsse, die am 17. Juni fallen. Es trifft Ihn gegen 19.30 Uhr in der Stresemann-/Ecke Prinz-Albrecht-Straße in der Umgebung des Potsdamer Platzes. Mit einem Kopfschuss wird er vom Roten Kreuz geborgen und in den Westteil der Stadt gebracht, wo er im Elisabeth-Krankenhaus bald seiner Verletzung erliegt. Im Elisabeth-Diakonissen-Hospital hat Dr. Pohl nach Mitteilung des Leiters der Poliklinik (Dr. med. Schostadt noch einige Minuten geatmet. Die Art seiner Verwundung – die Hälfte der Schädeldecke war fortgerissen – berechtigt zu der Annahme, dass die tödliche Verwundung durch ein Explosivgeschoss verursacht worden ist. Auf die erste Nachricht von dem Geschehen wurde sich mit dem italienischen Generalkonsulat, der Studentenvertretung der Freien Universität, dem Herrn katholischen Studentenpfarrer v. Hülsen, der Staatsanwaltschaft ist die Leiche beschlagnahmt und in das Leichenschauhaus in Berlin Moabit gebracht worden. Sie ist dann dem Bruder Dr. Pohls, der nach Berlin geeilt war, zur Überführung freigegeben worden. An der Abschiedsfeier vor dem Schöneberger Rathaus nahm auch ein Vertreter des Hilfswerkes aus Berlin teil und hat einen Kranz am Sarg Dr Pohls niedergelegt.
In der Mitte der acht Särge stand der Sarg Dr. Pohls, der mit einem großen Gebinde roter und weißer Nelken bedeckt war, während die anderen Särge in die Berliner Flagge gehüllt waren. Nach der Beendigung der Trauerfeier wurden die Särge im feierlichen Zuge durch die von einem dichten Menschenspalier umsäumten Straßen zum Friedhofe in der Müllerstraße überführt und dort in den Gottesacker gesenkt. Der allein stehengebliebene Sarg Dr. Pohls ist dann von Pfarrer von Hülsen eigesegnet worden. Beim Abschiednehmen von dem Heimgegangenen hat der Pfarrer dem Bruder Dr. Pohls im Auftrag von Herrn Pfarrer Berg und im eigenen Namen das herzlichste Beileid des Hilfswerkes ausgesprochen und gebeten, es auch an seine Eltern weiterzuleiten.
Die Predigt bei der Bestattung ging von der Seligpreisung der Bergpredigt aus:

„Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit“.

In diesem Zusammenhang sollte noch erwähnt werden, dass auch der Schweizer Gaststudent an der FU, Georg Stucky, am 17.Juni am Potsdamer Platz verwundet worden ist, vermutlich durch einen Querschläger, der ihn am Knie gestreift hat.

Oskar Pohl wird nach der Trauerfeier des West-Berliner Senats auf dem Rudolph-Wilde-Platz vor dem Rathaus Schöneberg am 23. Juni 1953 auf Wunsch der Familienangehörigen nach Italien überführt, wo er in Kastelbell in der Provinz Bozen beigesetzt wird. Unliebsam fällt dort das Fernbleiben eines Vertreters des deutschen Generalkonsulats in Mailand auf.
Auf dem Friedhof fand er in der Familiengrabstätte Pohl die letzte Ruhe

Freier Journalist
Peter Benz

Die Zeitzeugen-Redaktion Berlin bedankt sich herzlich bei Herrn Peter Benz für die freundliche Bereitstellung dieses Berichtes. Das Urheberrecht verbleibt bei Herrn Peter Benz und es gelten hierbei die üblichen Bestimmungen. Auf Anfrage vermitteln wir aber gerne den Kontakt.

Der Aufstand des 17. Juni 1953

Veröffentlicht von zeitzeugenberlin am 12. October 2011

In den Tagen um den 17. Juni 1953 kam es in der DDR an über 400 Orten und ca. 600 Betrieben zu einem Aufstand, an dem sich über eine halbe Million Menschen beteiligten.

Die Ursachen des Volksaufstandes am 17. Juni 1953

Unter der Führung des SED-Generalsekretärs Walter Ulbricht wurde auf der zweiten Parteikonferenz der SED im Jahr vor dem 17. Juni 1953 unter großem Applaus der Delegierten der Aufbau des Sozialismus verkündet. Nach sowjetischem Vorbild wurde die Industrie und schließlich die ganze Gesellschaft verstaatlicht. Dies hatte dramatische Folgen, die letztlich zum Aufstand vom 17. Juni 1953 führten. Dies stürzte die DDR in eine schwierige Ernährungskrise und die industrielle Produktion ging zurück. Die Bevölkerung reagierte mit Protesten und “Republikflucht”, wie es die SED Regierung betitelte. Einen Monat vor dem 17. Juni 1953 verabschiedete die SED-Führung ein Gesetz zur Erhöhung der Arbeitsnormen um 10,3 Prozent.

Moskau und der Aufstand des 17. Juni 1953

In Moskau nahm man die Krise in der DDR vor dem 17. Juni 1953 mit Besorgnis wahr und reagierte damit, das Politbüro der SED zu einem neuen Kurs zu zwingen. Noch eine Woche vor dem 17. Juni 1953 versprach die SED Regierung enteignete Betriebe zurückzugeben und die Versorgung zu verbessern. Die Erhöhung der Arbeitsnormen wurde jedoch beibehalten.

Die Tage um den Aufstand  des 17. Juni 1953

Die Arbeiterschaft war erbost und fühlte sich bestraft. Zwei Tage vor dem 17. Juni 1953 kam es auf Ostberliner Großbaustellen zu Protesten. Abgesehen von der Rücknahme der Normenerhöhung ging es bald auch um eine Wiedervereinigung Deutschlands, die Absetzung Ulbrichts und freie Wahlen. Die Proteste griffen bis zum 17. Juni 1953 auf die gesamte DDR über. Die Erhebung wurde vom sowjetischen Militär und der Volkspolizei blutig niedergeschlagen. Genauere Zahlen bezüglich der Opfer sind nicht bekannt. Im Westen wurde der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 als Freiheitswille der DDR Bevölkerung angesehen und am 4. August 1953 wurde der 17. Juni per Gesetz in der BRD als ‘Tag der Deutschen Einheit‘ zum nationalen Gedenktag erhoben.

 

Zeitzeugenbericht: 17. Juni 1953 (Teil 2/2)

Veröffentlicht von zeitzeugenberlin am 6. September 2011

17. Juni 1953 – Ein Ausnahmezustand

Der Ausruf des Ausnahmezustands in Ost-Berlin war nur eine Folge des Aufstands am 17. Juni 1953. Joachim Rudolph erlebte den Aufstand mit und berichtet als Zeitzeuge in “Meine Erinnerungen an den 17. Juni 1953″ über Geschehnisse rund um den 17. Juni 1953.
Wer den ersten Teil noch nicht gelesen hat, kann das hier nachholen.

“Meine Erinnerungen an den Aufstand des 17. Juni 1953″

Am späten Vormittag erreichten wir den Marx-Engels-Platz (ehemaliger Schlossplatz) – ein großer Platz, auf dem an besonderen Feiertagen (1, Mai, 7. Oktober als Gründungstag der DDR etc.) die Bevölkerung an einer großen Holztribüne vorbeiziehen musste, auf der sich die Regierungs- und Politbüromitglieder der SED feiern ließen. Der Platz war gefüllt mit Tausenden von Menschen. Großer Jubel brach aus, als sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete, die Arbeiter des Stahlwerks Henningsdorf (DDR) würden über den kürzeren Weg durch West-Berlin bald durch das Brandenburger Tor kommen.

Plötzlich war ein lautes Brummen von Motoren zu hören, das immer stärker wurde. Und dann bog ein sowjetischer Panzer mit blauen Auspuffwolken um die Ecke, dem weitere folgten – eine gespenstische Szene. Die Arbeiter versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Meinem Freund und mir gelang es, die Holztribüne zu erreichen. Natürlich hatten wir große Angst und versuchten, schnellstmöglich nach Hause zu kommen.

Der Heimweg führte uns am Polizeipräsidium in der Königsstraße vorbei. Viele aufgebrachte Menschen standen vor dem Präsidium, die ihrem Unmut in Sprechchören Ausdruck gaben. Es war kein Durchkommen möglich. Plötzlich hörten wir laute Knallgeräusche. Waren es Schüsse aus Feuerwaffen? Wir flüchteten mit Anderen zusammen in einen Hausflur. Nachdem sich die Situation beruhigt hatte und wir wieder auf die Straße traten, sahen wir brennende Polizeifahrzeuge vor dem Polizeipräsidium. Wahrscheinlich waren die Ursache der Geräusche die explodierenden Autoreifen.

Auf dem Heimweg, es war gegen 14 Uhr, sahen wir dann an allen Litfaßsäulen frisch geklebte Plakate: Der Ausnahmezustand war in Ost-Berlin verhängt worden! Damit war ab sofort verboten, dass sich Gruppen von mehr als 3 Personen auf öffentlichen Straßen zusammenfinden. Weiterhin war jeglicher Fußgänger- und Kraftfahrzeugverkehr von 21 Uhr bis 5 Uhr morgens auf Straßen und Plätzen verboten. Und weiter hieß es: “Diejenigen, die gegen den Befehl verstoßen, werden nach den Kriegsgesetzen bestraft.” Unterzeichnet war dieser Befehl vom “Militärkommandant des Sowjetischen Sektors von Berlin, Generalmajor Dibrowa”.

Zu Hause angekommen warteten alle auf den Abend. Was wird passieren? Kurz nach 21 Uhr kamen weitere sowjetische Panzer und viele Mannschaftswagen mit sowjetischen Soldaten und Kriegsgerät in Richtung Innenstadt.

Am folgenden Tag waren alle großen Strassenkreuzungen und Plätze mit Panzern und/oder Mannschaftswagen besetzt. Sowjetische Soldaten saßen auf oder vor ihren Fahrzeugen. Sie hatten dort die Nacht zugebracht und wurden von ihren Kameraden verpflegt. Rauch stieg aus den Schornsteinrohren der Feldküchen. Der öffentliche Verkehr war zum Erliegen gekommen, und die Grenzen nach West-Berlin waren geschlossen. Nach ca. 10 Tagen wurde der Ausnahmezustand aufgehoben und die sowjetischen Soldaten wurden abgezogen. Die DDR- Regierung übernahm wieder die Staatsgewalt.

In den DDR-Medien wurde der Volksaufstand des 17. Juni 1953 als “konterrevolutionärer Putschversuch” deklariert. Die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen hätten durch ihr “entschlossenes Eingreifen” die “Absichten des Imperialismus” durchkreuzt. Die Mehrheit der “irregeleiteten” Werktätigen habe sich bald von den Putschisten abgewandt und begann zu erkennen, dass sie gegen ihre eigenen Interessen gehandelt habe.

Im Zusammenhang mit den Ereignissen des 17. Juni wurden in den folgenden Wochen mehrere tausend DDR-Bürger verhaftet und zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt. 22 Todesurteile wurden vollstreckt. Die “öffentliche Ordnung” war wieder hergestellt.
Damit endet “Meine Erinnerungen an den des 17. Juni 1953″ von Joachim Rudolph.
An dieser Stelle noch einmal großen Dank an ihn und seinen Bericht über den Aufstand des 17. Juni 1953.

Wer gerne noch mehr Zeitzeugenberichte lesen möchte, der kann andere Geschichten unter dem Reiter Zeitzeugenberichte  finden. Dort werden regelmäßig verschiedene Berichte über die Zeit vor, nach und während der Berliner Mauer veröffentlicht.
Auch wer über seine eigene Geschichte schreibt, kann diese gern an ZeitzeugenBerlin.de senden und vielen Anderen die eigenen Erlebnisse näher bringen.

Zeitzeugenbericht: 17. Juni 1953 (Teil 1/2)

Veröffentlicht von zeitzeugenberlin am 6. September 2011

Joachim Rudolphs Erlebnisse am 17. Juni 1953

Der Zeitzeuge Joachim Rudolph berichtet über den Aufstand des 17. Juni 1953. Er war damals erst 14 Jahre alt und beschreibt in “Meine Erinnerungen an den 17. Juni 1953″, wie es ihm ergangen ist.
ZeitzeugenBerlin.de hat die Möglichkeit, seinen Erlebnisbericht zu veröffentlichen und so die Geschehnisse des 17. Juni 1953 nicht nur mit statischen Informationen, sondern mit lebendiger Geschichte wiederzugeben.
“Meine Erinnerungen an den 17. Juni 1953″ ist ein bewegender Bericht, welcher damit beginnt, wie sich der junge Joachim Rudolph den ersten Anhängern des immer größer werdenden Demonstrationszuges anschließt. Er erlebte den Arbeiteraufstand in der ehemaligen DDR mit und gibt nun allen die Möglichkeit, an seinen Erfahrungen teilzuhaben.

“Meine Erinnerungen an den Aufstand des 17. Juni 1953″

Im Dezember 1938 wurde ich in der Grenzmark Posen-Westpreußen (ehemalige deutsche Ostgebiete, heute Polen) geboren. Mein Vater wurde bei unserem Fluchtversuch mit einem Pferdewagen im April 1945 gefangen genommen und verstarb wenige Wochen später in einem sowjetischen Internierungslager. Im Juli 1945 mussten wir endgültig unsere Heimat verlassen (Vertreibung). Zu Fuß, mit einem Handwagen, auf dem meine, an beiden Beinen verwundete, Großmutter und meine zweijährige Schwester saßen, erreichten wir nach ca. 120 km Fußweg im November 1945 Ost-Berlin. Und hier erlebte ich am 17. Juni 1953 den Volksaufstand in der DDR.

Am Nachmittag des 16. Juni 1953 kam es zu einer spontanen Arbeitsniederlegung der Bauarbeiter in der Stalinallee. Unmittelbarer Anlass war neben der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Unzufriedenheit die Erhöhung der Arbeitsnormen zum 20. Juni 1953, dem sechzigsten Geburtstag von Walter Ulbricht. In Diskussionen wurde von den Arbeitern der Beschluss gefasst, für den 17. Juni 1953 zum Generalstreik in der gesamten DDR aufzurufen.

In den DDR-Medien hieß es am Abend des 16. Juni, westdeutsche “Agenten und Saboteure” wollten Unruhe in der DDR-Bevölkerung provozieren. In den westlichen Medien wurde von einem Volksaufstand berichtet, zu dem die Bauarbeiter für den folgenden Tag in der gesamten DDR aufgerufen hätten. Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Bevölkerung der DDR.

Den 17. Juni 1953 erlebte ich als Vierzehnjähriger. Ich hatte mich mit einem Schulfreund verabredet. Gegen 8 Uhr trafen wir uns vor unserer Haustür in der Greifswalder Straße. Wir schlossen uns einem Demonstrationszug an, der sich, aus Weißensee kommend, in Richtung Innenstadt bewegte.

Aus den Fenstern einer Schuhfabrik wurde der Demonstrationszug von vielen Frauen beobachtet. Sie riefen, ihre Betriebsleitung hätte die Eingangstüren und – tore verschlossen. Demonstranten brachen daraufhin die Türen auf, und viele der Arbeiterinnen schlossen sich dem Demonstrationszug an. Der Zug wurde immer größer, je näher wir der Innenstadt kamen.

An der Ecke Dimitroffstraße kreuzte eine Straßenbahn. Arbeiter aus dem Demonstrationszug entwendeten dem Fahrer die damals noch für das manuelle Umstellen der Weichen erforderliche Stahlstange und forderten das Fahrpersonal und die Fahrgäste auf, sich dem Zug anzuschließen.

Der Demonstrationszug passierte den Rosentaler Platz. Dort befand sich das Parteigebäude der SED. Die gläserne Front der Eingangstüren war durch herabgelassene Stahlgitter versperrt. Hinter den Gardinen der Fenster sah man vereinzelt verängstigte Gesichter auf die Straße blicken. Auf der Straße herrschte eine emotional aufgeladene Stimmung. Ein Mann, der im Krieg ein Bein verloren hatte, machte seiner Wut Luft, stieß mit seinen Krücken durch die Stahlgitter und zerstörte die Glastüren. Andere rüttelten an den Stahlgittern.

Das Ende der Geschichte können Sie gleich im zweiten Teil nachlesen!
Zeitzeugenbericht: 17. Juni 1953 (Teil 2/2)


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