Am 17.Juni 1953 wurde ein Südtiroler von Vopos ermordet

Die Biographien der meisten Toten des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 und die Umstände, unter denen sie ums Leben kamen, sind bis heute wenig bekannt. Die Darstellung ihres persönlichen Schicksals ist ein Versuch, die Toten vor dem Vergessen zu bewahren und ihnen und ihren Angehörigen und Freunden auf diese Weise eine späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

34 Demonstranten, Passanten und Zuschauer wurden einer Studie zufolge am 17. Juni und den kommenden sechs Tagen von DDR-Volkspolizisten und sowjetischen Besatzungs-Soldaten erschossen oder starben an den Folgen von Schussverletzungen. Instanzen der sowjetischen Besatzungstruppen verurteilten fünf Menschen zum Tode und ließen sie hinrichten. DDR-Gerichte verhängten zwei Todesurteile.
Es ist am 17.Juni gegen 19.30 Uhr.

„An der Sektorengrenze Stresemann-/Ecke Prinz-Albrecht-Straße, im Terrain des Potsdamer Platzes, fallen wieder Schüsse. Der fünfundzwanzigjährige Dr. Oskar Pohl ein West-Berliner stirbt an einem Kopfschuss. Vopos nehmen den Rot-Kreuz-Wagen unter Beschuss, als sie ihm in den Westteil der Stadt brachten. Hier erlag er im Elisabeth-Krankenhaus bald seiner Verletzung.“

Der Journalist Dr. Pohl war Austauschhörer an der Freien Universität und durch das Evangelische Hilfswerk in den Westteil der geteilten Hauptstadt gekommen.
Oskar Pohl wird am 3.November 1927 in Kastelbell/Südtirol geboren. Er war promovierter Philosoph und wohnte in Berlin Grunewald.
Dr. Oskar Pohl wird nach der Trauerfeier des West-Berliner Senats auf dem Rudolph-Wilde-Platz vor dem Rathaus Schöneberg am 23.Juni 1953 auf Wunsch der Familienangehörigen nach Südtirol (zu Italien gehörend) überführt, wo er in Kastelbell/ Provinz Bozen beigesetzt wurde. Auf dem Friedhof Seestraße wurde zur Erinnerung ein Gedenkstein gesetzt.
Unliebsam fällt dort das Fernbleiben eines Vertreters des deutschen Generalkonsulats in Mailand auf.
Auf dem Friedhof Seestraße, Westteil Berlins, wird zur Erinnerung ein Gedenkstein für Oskar Pohl gesetzt.

Die Heimat von Oskar Pohl

Auf 600 m Meereshöhe, an den Steilhängen des Vinschgauer Sonnenberges und somit in den besten Lagen der westlichen Landeshälfte, befindet sich das Weingut Köfelgut, welches seit anno 1786 im Besitz der Familie Pohl ist. Das Hauptziel ist, naturbelassene, gebietstypische Qualitätsweine zu erzeugen. Das inneralpine Trockenklima und der warme, durchlässige Urgesteinsschieferboden erweisen sich als optimale Voraussetzungen dafür. Neben dem Weinkeller befindet sich zudem eine Schnapsbrennerei am Hof, die der Herstellung erlesener Tropfen dient. Auf einer kleineren Fläche werden auch Spargeln angebaut.

Höhepunkt die Reifeprüfung in Brixen

Oskar Pohl kam als zweites von fünf Kindern des Landwirtes Franz Xaver und seiner Ehefrau Elvira geborene Wind, in Kastelbell (Südtirol) Italien zur Welt.
Nach dem Besuch der italienischen Volksschule kam er mit elf Jahren an das humanistische Gymnasium in Meran. Dieser Ort wird auch als Schulstadt bezeichnet.
Im Jahre 1940 musste er dort den Unterricht unterbrechen, nachdem sich sein Vater bei der Option (1939) für Deutschland entschieden hatte. Im gleichen Jahr kam er noch in eine Schule für Volksdeutsche nach Rufach im Elsaß.
Rouffach ist heute eine französische Gemeinde im Elsaß. Dort besuchte Oskar Pohl eine sogenannte Oberschule (3. bis 6.Klasse). 1944 wurde er zum Reichsarbeitsdienst und 1945 zur Wehrmacht einberufen. Nach kurzer russischer Kriegsgefangenschaft konnte er Ende 1945 wieder heim nach Südtirol.
Dort trat er sofort in das deutschsprachige wissenschaftliche Lyzeum in Brixen ein. Im Sommer 1946 bestand er die Reifeprüfung. Im Herbst 1946 begann Oskar Pohl das Studium der Neuphilologie (Sprach- und Literaturwissenschaft) in Venedig. 1951 schloss er die Promotion zum Doktor ab.

England, Frankreich und Deutschland

Während und nach dem Studium kam Dr. Oskar Pohl nach England, Frankreich und im Frühjahr 1952 nach Deutschland. Hier war er einige Monate als Volontär in einem Stuttgarter Verlag tätig. Im Herbst 1952 begann er als Stipendiat des Evangelischen Hilfswerkes das Studium in Deutschland. Das 1.Semester besuchte er an der Universität Köln.
Hier wohnte er in der Kerpenerstraße 57.

Von Vopo mit gezieltem Kopfschuss ermordet

Am 5.5.1953 hat sich Dr. Oskar Pohl für die Fachrichtung Publizistik an der Freien Universität Berlin eingeschrieben. In Westberlin lebte er in Grunewald, Seebergsteig 24.
Im Jahre 2003 wurde der Seebergsteig in Toni – Lessler -Straße umbenannt. Hier wohnte er leider nur einen Monat und zwölf Tage.
Dr. Oskar Pohl hat sich am Vormittag des 17.Juni nach dem Brennpunkt der Ereignisse, dem Potsdamer Platz begeben, weil er für Südtiroler Zeitungen über die Ereignisse als Journalist berichten wollte. Er ist dort, als sowjetische Panzer und ostsektorale Volkspolizei das Feuer eröffnen.
Dann wurde er von einem Vopo mit einem gezieltem Kopfschuss ermordet. Dieses Verbrechen geschah vor dem „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz.
Es war eines der letzten Schüsse, die am 17. Juni fallen. Es trifft Ihn gegen 19.30 Uhr in der Stresemann-/Ecke Prinz-Albrecht-Straße in der Umgebung des Potsdamer Platzes. Mit einem Kopfschuss wird er vom Roten Kreuz geborgen und in den Westteil der Stadt gebracht, wo er im Elisabeth-Krankenhaus bald seiner Verletzung erliegt. Im Elisabeth-Diakonissen-Hospital hat Dr. Pohl nach Mitteilung des Leiters der Poliklinik (Dr. med. Schostadt noch einige Minuten geatmet. Die Art seiner Verwundung – die Hälfte der Schädeldecke war fortgerissen – berechtigt zu der Annahme, dass die tödliche Verwundung durch ein Explosivgeschoss verursacht worden ist. Auf die erste Nachricht von dem Geschehen wurde sich mit dem italienischen Generalkonsulat, der Studentenvertretung der Freien Universität, dem Herrn katholischen Studentenpfarrer v. Hülsen, der Staatsanwaltschaft ist die Leiche beschlagnahmt und in das Leichenschauhaus in Berlin Moabit gebracht worden. Sie ist dann dem Bruder Dr. Pohls, der nach Berlin geeilt war, zur Überführung freigegeben worden. An der Abschiedsfeier vor dem Schöneberger Rathaus nahm auch ein Vertreter des Hilfswerkes aus Berlin teil und hat einen Kranz am Sarg Dr Pohls niedergelegt.
In der Mitte der acht Särge stand der Sarg Dr. Pohls, der mit einem großen Gebinde roter und weißer Nelken bedeckt war, während die anderen Särge in die Berliner Flagge gehüllt waren. Nach der Beendigung der Trauerfeier wurden die Särge im feierlichen Zuge durch die von einem dichten Menschenspalier umsäumten Straßen zum Friedhofe in der Müllerstraße überführt und dort in den Gottesacker gesenkt. Der allein stehengebliebene Sarg Dr. Pohls ist dann von Pfarrer von Hülsen eigesegnet worden. Beim Abschiednehmen von dem Heimgegangenen hat der Pfarrer dem Bruder Dr. Pohls im Auftrag von Herrn Pfarrer Berg und im eigenen Namen das herzlichste Beileid des Hilfswerkes ausgesprochen und gebeten, es auch an seine Eltern weiterzuleiten.
Die Predigt bei der Bestattung ging von der Seligpreisung der Bergpredigt aus:

„Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit“.

In diesem Zusammenhang sollte noch erwähnt werden, dass auch der Schweizer Gaststudent an der FU, Georg Stucky, am 17.Juni am Potsdamer Platz verwundet worden ist, vermutlich durch einen Querschläger, der ihn am Knie gestreift hat.

Oskar Pohl wird nach der Trauerfeier des West-Berliner Senats auf dem Rudolph-Wilde-Platz vor dem Rathaus Schöneberg am 23. Juni 1953 auf Wunsch der Familienangehörigen nach Italien überführt, wo er in Kastelbell in der Provinz Bozen beigesetzt wird. Unliebsam fällt dort das Fernbleiben eines Vertreters des deutschen Generalkonsulats in Mailand auf.
Auf dem Friedhof fand er in der Familiengrabstätte Pohl die letzte Ruhe

Freier Journalist
Peter Benz

Die Zeitzeugen-Redaktion Berlin bedankt sich herzlich bei Herrn Peter Benz für die freundliche Bereitstellung dieses Berichtes. Das Urheberrecht verbleibt bei Herrn Peter Benz und es gelten hierbei die üblichen Bestimmungen. Auf Anfrage vermitteln wir aber gerne den Kontakt.