Fernsehzeitzeugen sind ein grundlegendes Element jeder historischen Dokumentation im deutschen Fernsehen. Sie sind glaubhaft, sie sind real und sie machen die Dokumentation erst attraktiv für den Zuschauer. Sind Fernsehzeitzeugen also nur eine mediale Inszenierung, um die Einschaltquoten zu erhöhen? Diesen Verdacht äußert Wulf Kansteiner in einem in der Zeit erschienenen Artikel (02.01.12).

Von Oral History zu Fernsehzeitzeugen

Interview im Jahrhundertbus

Interview im Jahrhundertbus

Zeitzeugen erscheinen in der Geschichtsforschung zu einem relativ späten Zeitpunkt, in den 80er  und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, unter der Methode der Oral History. Anfänglich gelten Zeitzeugen  als unwissenschaftlich. Eine Interview-Methode muss erst noch entwickelt werden. Als Fernsehzeitzeugen haben sie es in das Fernsehprogramm erst durch die Etablierung der Oral History geschafft. Für die Filmproduzenten sind die Fernsehzeitzeugen zu einer zentralen Informationsquelle und einem stilistischen Mittel geworden.
Die Fernsehzeitzeugen haben mit den Zeitzeugen von Oral-History-Projekten wenig gemein.

Unterschied der Fernsehzeitzeugen zur Oral History

Im Vordergrund der TV-Dokumentationen steht der reine Unterhaltungsaspekt der Zeitzeugen. Die Geschichte soll spannend erzählt werden, um sie einer breiteren Masse zugänglich zu machen. Die Filmemacher müssen die Aussagen der Fernsehzeitzeugen und die historischen Tatsachen auf einen Nenner bringen. Dabei arbeitet der Fernsehzeitzeuge als Vermittler zwischen Fernsehzuschauer und Filmemacher, indem er die historischen Ereignisse anschaulich beschreibt. Im Gegensatz zur Forschung greifen die Filmemacher öfters in die Überlegungen der Fernsehzeitzeugen ein und provozieren sie teilweise, um zu dramatischen Aussagen zu gelangen. Zudem steht im Zentrum der Interviews das weltbewegende Ereignis selbst und nicht die Lebensgeschichte des Fernsehzeitzeugen, dessen Aussagen an passender Stelle eingeblendet werden.

Fernsehzeitzeugen: reine Inszenierung?

Lässt sich also von einem “Missbrauch” der Oral History in den Massenmedien sprechen?

Bis zu einem gewissen Grad kann von einer bewussten Inszenierung der Fernsehzeitzeugen für die Zuschauer ausgegangen werden. Entertainment-Fernsehen prägt das Bild der privaten und mittlerweile auch öffentlich-rechtlichen Sender.

Jedoch wird oft vernachlässigt, dass Dokumentationen einen bedeutenden Beitrag zur Suche nach Zeitzeugen und Material leisten können. Mitunter werden Zeitzeugen durch das Fernsehen überhaupt erst befragt oder bisher unentdeckte Dokumente stehen von da an der Forschung zur Verfügung. Damit lassen sich Fernsehzeitzeugen nicht nur als reine Medienfiguren betrachten, sondern sie können einen Beitrag zur Klärung der Geschichte liefern.

Bildquelle: www.pragenturhamburg.de