Zeitzeugen-Roman über DDR
Berliner Mauer, DDR, Literatur, Tipps, Zeitzeugenberichte 15. December 2011Gründe des Niedergangs der DDR, ihre militärische Stellung im Warschauer Pakt (Warschauer Vertrag), die Hegemonie der ehemaligen Sowjetunion und damit verbundene Probleme in der Wirtschaft
Die Auswirkungen sind heute noch erkennbar. Die DDR war mit militärischen Standorten übersät und das MfS arbeitete auf Hochtouren. Wie kam es zur flächendeckenden Überwachung?
Verantwortlich für Vorbereitung und den Bau von Militärobjekten mit geringerer Geheimhaltung waren Dienststellen in 13 DDR-Bezirken (Kasernenobjekte, Unteroffiziersschulen, Lager etc.).
In diesem Roman ist auch die ehemalige Unterkunftsabteilung oder UKA Leipzig, Richterstraße 3, als mein ehemaliger Arbeitgeber genannt (Bauvorhaben nur im Bezirk Leipzig).
Atomare Schutzbauwerke wuchsen während des sogenannten Wettrüstens wie Trüffel. Sie waren Führungsobjekte im Kalten Krieg und wären es nach Beginn eines Kernwaffenschlages gewesen. Handlungsorte oder Gebiete mit diesen Bauvorhaben, genannt werden hier nur einige, sind: Tessin, Straußberg/Harnekop, Calau, Fürstenwalde oder Bunker Kossa. Investionen wurden noch 1990 getätigt. Dies war wohl der empfindlichste Schlag ins Kontor der DDR-Wirtschaft.
Kaum einer wusste von den verbauten Milliarden, zumal militärische Baumaßnahmen zum Teil unter die geheime Verschlusssache fielen und somit nur ein sehr kleiner Personenkreis informiert war. Aus Gründen der Geheimhaltung wurde die Anzahl der verantwortlichen Bearbeiter solcher Vorhaben so gering wie möglich gehalten. Auch Mauer und innerdeutsche Grenze dienten der Geheimhaltung. Die NVA-Dienststelle UKA-2 in Leipzig, mein letzter Arbeitgeber Militärbauwesen, war für die Vorbereitung von Schutzbauwerken bzw. deren Projektierung und Bau als Auftraggeber verantwortlich. Die Gruppe für die Vorbereitung bestand aus sechs Ingenieuren.
Auch volkseigene Betriebe waren in großem Umfang an NVA-Vorhaben bis 1990 eingesetzt. Industrieobjekte oder Sanierungen wurde zu deren Gunsten zurückgestellt.
Klappentext des Buches:
“Thomas Schmidt wird neben der Industrie auch in militärischen Vorhaben der DDR eingesetzt. Bedingung ist, dass keine Kontakte in die Bundesrepublik Deutschland bestehen. Von Abenteuerlust getrieben plant Schmidt, in die BRD auszuwandern. Er gerät in das Blickfeld der Staatssicherheit, doch sein häufiger Arbeitsstellenwechsel als hausgemachte Freiheit macht das Observieren fast unmöglich. Schmidt leistet seinen Grundwehrdienst und studiert Bauwesen. Die Marschrichtung für seine Tätigkeit als Bauleiter legt der Staat fest. Das erste Objekt ist eines der Landesverteidigung.
Irgendwann erfolgt der Einsatz auf Vorhaben mit besonderer Geheimhaltung. Es handelt sich um die Führungs- und Atombunker der Nationalen Volksarmee. Was die Finanzierung dieser so bedeutsamen Spezialobjekte betrifft, ist sie für das Ende der DDR-Wirtschaft mitbestimmend – die vorhandenen Baukapazitäten werden zum großen Teil für militärische Vorhaben “verheizt”. Schmidt, Geheimnisträger, hängt seinen Job erneut an den Nagel. Somit greift die Staatssicherheit aktiv in sein Leben ein und der Wettlauf mit der Macht beginnt.”
Ziel des Romans war es, die Grenze zur erzählerischen Fiktion nicht zu überschreiten. Um das Leben der Menschen in der DDR zu veranschaulichen, werden Fakten in Handlungen und Dialogen aufgezeigt.
Im Auftrag des großen Bruders, ISBN 9783862545513, Autobiografie, AAVAA-Verlag, Berlin
Der Text stammt vom Autor und wurde nur geringfügig geändert.
Die Fotos stammen von Zeitzeuge Thomas Schmidt. Die Rechte am Buch-Cover liegen beim AAVAA-Verlag Berlin – es zeigt den Autor im Alter von etwas über 20 Jahren.



am 16. December 2011 um 11:48 Uhr
Anmerkung zum Foto in der Mitte:
Ehemaliger Sitz der Bezirksverwaltung des MfS Leipzig, einst mit riesigen Anbauten in den 80er Jahren trotz wirtschaftlicher Misere aufgeplustert unter Verwendung hochwertigen Baumaterials. Architektonisch ähneln die Fassaden jener der Funkabwehr in Berlin-Lichtenberg. Links neben dem Altbau zum Teil erkennbar. Integriert ist eine Bunkeranlage, die man während der Rohbauphase einsehen konnte.
Besatzung: 2400 Hauptamtliche Mitarbeiter.
Fotobeispiel unten:
Klubgebäude als Millionenobjekt des ehemaligen Ingenieurbauregiments 12 bei Torgau. Fristet, wie alle noch als Ruinen vorhandenen Unterkunftsgebäude ein Dasein des Verkommens. Innen und außen frei zugänglich. Für Fachleute ist der Höchststand der Bautechnik für die damalige Zeit erkennbar. Fertigstellung 1978. Auftraggeber: ehemals NVA, Unterkunftsabteilung Leipzig, Richterstraße.
Thomas Schmidt
Autor und Zeitzeuge
am 16. December 2011 um 14:24 Uhr
Der Autor, ein "Gehetzter" der "Stasi", Bauingenieur, mit Bauvorhaben militärischer Bedarfsträger befasst, Geheimnisträger. Er weiß um die "Mühlen" der Stasi, in deren Fänge er sich
mit der Wahl seiner Arbeitsstellen begibt. Seine Observierung scheint lückenlos, bezieht sich auf alle Bereiche des Lebens. Er beschreibt sie bildhaft, spannend und interessant, Fragen bleiben.
Die Darstellungen zum Sektor Bauwesen wirken objektiv und realistisch. Sie zeichnen das objektive Bild ein Mangelwirtschaft im Bauwesen. Belege für die Errichtung oder Erhaltung dieses oder jenes Spezialbauobjektes "Im Auftrage … " können nicht erwartet werden. Die Aussagen bleiben allgemein, wie auch die zu den Spezialbauobjekten selbst. Historiker und Interessierte am Militärbauwesen werden mögliche Erwartungen nicht erfüllt sehen. Dennoch †“ sehr zu empfehlen.
am 23. December 2011 um 10:13 Uhr
"Im Auftrag des Großen Bruders"
Der Autor stellte auch am 11. Dezember 2011 während einer gesonderten Veranstaltung seinen Roman in Leipzig vor – ehemalige NVA-Angehörige und Bauschaffende waren zugegen.
Berechtigung, als Zeitzeuge aufzutreten: Thomas Schmidt hatte seinen beruflichen Werdegang nachgewiesen – beginnend mit seiner Tätigkeit als Bauarbeiter, d. h. von der Pike auf und in verschiedenen Wirtschaftszweigen. Die Aussagen zu Disharmonien in der Wirtschaft, bezogen auf Investitionen für die Landesverteidigung waren einleuchtend. Angesprochen wurden auch Vorhaben mit geringerer Bedeutung.
Spezialbauwerke der NVA: Der Autor erläuterte die militärstrategischen Aufgaben atomarer Schutzbauwerke und deren bautechnische Besonderheiten. Im konkreten Fall waren es der Hauptgefechtsstand der Volksmarine bei Tessin und Bunker Harnekop, Hauptführungsstelle des Ministers für Nationale Verteidigung. Dabei wurde auch über Wertumfänge, unterteilt nach Bau- und Ausrüstung, informiert. Ab Seite 154 des Buches – Überschrift "Im Auftrag des Großen Bruders" – Geheime Verschlusssache-, ist Näheres nachzulesen, aufschlussreich durchaus auch für Militärhistoriker. Natürlich wird sich der Eine oder Andere reiner Fachliteratur zur Ergänzung bedienen. Inhaltliche Schwerpunkte des autobiografischen Romans sind schließlich: Gründe des Niedergangs der DDR-Wirtschaft, Auswirkung der Festlegungen durch die Lieferverordnung an die bewaffneten Organe, abgekürzt LVO, Rolle des Staates im Warschauer Vertrag und das Leben der Menschen in einer Diktatur. Dabei wird auf die Arbeit der Sicherheitsorgane der DDR eingegangen. Die Gründe des Niedergangs der DDR werden endlich in ein anderes Licht gerückt.
Was die Zuhörer auch während der Novemberlesung immer wieder interessierte war, welche Überlebenschancen bietet ein Schutzbauwerk, wie konnte das Militärbauwesen mit der DDR-Industrie in Einklang gebracht werden oder wie war die Bundeswehr mit ähnlichen Bauwerken ausgestattet. Auf Letzteres könnte der Autor in Lesungen näher eingehen.
Der Inhalt des Buches ist analytisch klug aufgebaut und schlüssig durchgearbeitet -
meiner Meinung nach auch für "außenstehende" Leser fasslich.
Ich möchte mich der Meinung des Lesers, Herrn Kampe unbedingt anschließen, wenn er zur Lektüre feststellt: " sehr zu empfehlen".
H. Goldammer, Leipzig
am 1. January 2012 um 12:30 Uhr
“Im Auftrag des Großen Bruders”, autobiografischer Roman
Nicht nur politisch interessierten Lesern, sondern auch jenen zu empfehlen, die etwas über das Leben der Menschen in der ehemaligen DDR erfahren möchten. Die Inhalte sind sehr bildhaft gestaltet. Spannung nicht nur in einzelnen Szenen, spornt zum Lesen an, sondern der ganze Aufbau der Handlung.
Die Art der Darstellung der politischen Ereignisse zwischen 1963 und 1990 ist für mich selbst aktueller denn je. Die einzelnen Dialoge machen den Inhalt des Buches lebendig. Sie erscheinen mir als sehr realistisch, basierend auf verlässlichen Fakten. Obwohl es sich um einen politischen Roman handelt, wird man immer wieder angespornt weiterzulesen. Trotz der unangenehmen Seiten des eigenen Lebens gibt es kein Selbstmitleid. Viel mehr verdeutlicht der Autor das Schicksal anderer.
A. Schröder, Leipzig
am 7. March 2012 um 10:11 Uhr
Ergänzend zur Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit:
Ein weiteres Ressort war der Antikhandel zur Devisenbeschaffung – zur Sicherung der Landesverteidigung notwendig. Das MfS tummelte sich in den "untersten Ebenen" der Bevölkerung. Dabei ist die Überprüfung der politischen Gesinnung nicht zu kurz gekommen. Die kleine DDR war reich an nationalem Kulturgut. Man fand es durchaus auch im Haushalt eines Schichtarbeiters. Beispiel: Meißner u. Thüringer Porzellan des 18. Jh., antikes Zinn, Dresdner Barock etc. Zu bemerken ist noch, dass viele DDR-Sammler über ein hohes Fachwissen verfügten. Die Stasi machte es sich zunutze oder sondierte, wo etwas zu holen ist. Inwieweit Erlöse aus dem Kunsthandel dem Staat wirklich zugutekamen, ist offen.
Sammler, in der ehemaligen DDR zu Hunderttausenden vertreten, kontaktierten Sammler mittels Anzeigen über die Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft, abgekürzt DEWAG. Sie unterstand der Abteilung Agitation des ZK der SED direkt. Natürlich ging dort die Stasi aus und ein. Nachzulesen: "Im Auftrag des Großen Bruders†, AAVAA-Verlag, Berlin.
Thomas Schmidt
Zeitzeuge
am 18. March 2012 um 09:44 Uhr
Rezension bezieht sich auf: “Im Auftrag des Großen Bruders”
Verständlich geschrieben und man sieht sich in die Lage des Protagonisten versetzt.
Zur Handlung: Die Hauptperson hat durch häufigen Arbeitsstellenwechsel innerhalb bewaffneter Organe Misstrauen erregt. Zum potenziellen Geheimnisträger geworden, ist sie schon deshalb nicht unbescholten. Das MfS ist misstrauisch gegenüber jedermann. Schmidt wird observiert, doch den Überwachern gelingt es nicht wirklich, ihn in den Griff zu bekommen – er geht einem Hobby mit unüberschaubaren Kontakten nach. Er ist risikofreudig – wichtig, wenn man in einer dem Niedergang geweihten Industrie tätig ist. Der Protagonist weiß um deren Verwundbarkeit als ehemaliger Lehrling, Schichtarbeiter, Angestellter und nicht zuletzt als Familienvater.
Die Geschehnisse sind nachvollziehbar geschildert, zeitlich im Rahmen, nicht voneinander isoliert, sondern in ihrer wechselseitigen Bedingtheit dargestellt. Mit Beiwerk geht der Autor sparsam um – gut so, denn sein Leben war ohnehin unbequem, ruhelos, wiederum auch spannend wie die Erzählweise selbst.
Ritter, Leipzig
am 30. July 2012 um 17:43 Uhr
Soldatenzeit aus der Sicht als Zeitzeuge in der DDR
Ich selbst war von 1966 – 68 Feuerwehrmann der NVA, und zwar in einem Munitionslager, Kreis Torgau/Elbe. Aufgaben: Bewachung der Munitionsbunker und des gesamten Geländes in zwei Schichten – jeweils 12 Std. Es existierte ein Mangel an Wachleuten. Diese wiederum stammten aus dem zivilen Bereich. Wir als Soldaten verstärkten auch die Einsatzkräfte in den Munitionsarbeitshäusern. Es galt auch, die Produktivität zu erhöhen. Kartuschen, Treibladungen, Zündern und Geschosse (Herkunft SU) wurden zu patronierter Munition montiert. Natürlich war eine Schulung Voraussetzung. Wir bewachten auch Munitionszüge quer durch die DDR – MPi immer am Mann. Die Transporte erfolgten nachts – die Züge „charterte“ man durch die Netze eben wegen der Geheimhaltung. Tagsüber Ausbildung und den Ruf des Kompaniefeldwebels zuweilen auch des Politoffiziers: „Wie der Soldat sich bettet, so schläft er! Willst du Ausgang, dann erfülle die Vorgaben!“
Ursprünglich diente ich in einem Leipziger Schützenregiment u. wurde dann versetzt – zum Einsatz als Feuerwehrmann im speziellen Brandschutz. Ich war anfangs mal bei der freiwilligen Feuerwehr.
Zur Geschichte: Die NVA Vogelgesang, also das Zentrale Munitionslager, befand sich auf ehemaligem WASAG-Gelände. (Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff-Actien-Gesellschaft bis Anfang Mai 1945. Die ehemalige Dienststelle ähnelte einer Fabrik – hoch technisierte Heiz- und Chemieanlagen gehörten zum Standard. Nachdem z. B. die. Trinitrotoluolanlage (TNT) und Anlage für Pikrate u. ä. (Herstellung vor Ort) von den Russen 45 demontiert wurde, zerstörte man die Betonstraßen innerhalb der technischen Zonen. Ab 1958 richtete man ein Muni-Lager ein – Straßen wurden mit großem Invest- aufwand hergerichtet oder neu errichtet.
Die DDR investierte hier in Größenordnungen – zunächst entstand eine Hochspannungs-Sicherungsanlage. Des Weiteren entstand eine neue Munitionsfabrik, allerdings keine chemischen Anlagen.
Wenn man so will, war alles Spielerei – bis hierher. Die DDR als wichtigstes Mitglied im Warschauer Vertrag hat Federn lassen müssen. Sie folgte der hegemonialen Vertragspolitik der damaligen SU bis zum bitteren Ende. Literatur: „Im Auftrag des Großen Bruders.