Stasi Roman1“Die Stasi weiß, was ich nicht weiß” ist ein Buch von Felix Reid, welches auch das Thema Zeitzeugenschaft aufgreift. Der Autor hat hierzu  Zeitzeugeninterviews geführt und diese in seinem Roman festgehalten. Insbesondere die Erinnerungen eines Zeitzeugen sind die Grundlage dieses Romans zur DDR Zeit.

Ein solcher Zeitzeugenroman veranschaulicht sehr gut, weshalb Zeitzeugen und ihre Zeugnisse so wichtig sind: weil sie authentisch und aus einer persönlichen Sicht festhalten, wie es zu einer bestimmten Zeit war. Das persönliche Erleben bereichert dabei Fakten und Strukturen und hilft dem Leser, sich in eine bestimmte Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit hineinzuversetzen, wie es ohne die “Methode” der Zeitzeugnisse kaum möglich wäre:

Der wirtschaftskriegerisch motivierte Prozess vor dem Obersten Gericht der DDR gegen Herbert F. Latinsky, einem erfolgreichen Hamburger Kaufmann, hatte nicht viel mit einem Strafprozess im üblichen Sinn gemein. Das ganz besondere Interesse an dieser Art der Schauprozesse und ihrer politischen Instrumentalisierung wird bereits an der Tatsache deutlich, dass der Generalstaatsanwalt der DDR am 06.10.1967 unmittelbar an Erich Honnecker berichtete und die Urteile dann propagandistisch verwertet wurden.

So wird das Buch “Die Stasi weiß, was ich nicht weiß” vorgestellt. Die Fakten dienen dabei als Rahmen und dieser Prozess, der in den 60er Jahren Aufsehen erregte, ist  Kern dieses Buches, dessen Aufgabe nicht die juristische Nachlieferung von Antworten auf die Frage, was denn nun die Wahrheit gewesen sei, liefern soll. Vielmehr stehen die bemerkenswerten Erlebnisse eines Mannes im Vordergrund, der in das Räderwerk der Untersuchungsorgane der DDR geriet. Felix Reid schildert aus langen Gesprächen die Erinnerungen des 91-jährigen an die Verhöre, die Behandlung in den verschiedenen Haftanstalten, die Auseinandersetzungen mit den Stasioffizieren. Dagegen setzt er, ohne weitere Kommentierung, Auszüge aus den Akten zu Gerichtsverfahren, aus den Stasiakten und weitere Dokumente.

Dieses Buch ist damit nicht nur ein einzigartiges Zeitzeugnis der Stasiverhöre, der politischen Justiz, sowie der Haftbedingungen, sondern auch der deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen der 50iger und 60iger Jahre. Neben den menschlichen Aspekten solcher Verhöre und dem Zerstören jeglicher Perspektive des Opfers, wird auch der Aufstieg des Herbert Latinsky zu einem erfolgreichen Kaufmann im Rückblick geschildert, seine Vernetzung in die Hamburger Gesellschaft und seine Kontakte zu dem Kaffee-Unternehmer Darboven, dem Flugzeugproduzenten Bölkow und anderen Wirtschaftsgrößen der 50iger und 60iger Jahre.

Felix Reid ist Kommunikationswissenschaftler und Autor aus Hamburg, der mit seinen 32 Jahren die Zeit nicht selbst erlebt, aber den Fall gut recherchiert hat. Er schafft es durch die unaufdringliche Wiedergabe des Sprechstils von Herbert Latinsky mit seinen authentischen Reflektionen, Wiederholungen, aber auch Ungereimtheiten und menschliche Unzulänglichkeiten, ein eindrucksvolles Bild von Menschen, Situationen und dem System zu zeichnen – eine Kombination aus Innensicht und Rahmenbedingungen. Ein Werk, das also sowohl wichtig ist für die Aufarbeitung der Vergangenheit, als auch für die Information der jüngeren Generation, die diese Zeit nicht aus unmittelbarem Erleben kennt.