Die Reichskristallnacht

Als Reichskristallnacht werden die Novemberpogrome vom 8./9. 11. 1938 bezeichnet. Man spricht auch von der (Reichs-)Pogromnacht. “Reichskristallnacht” wurde ursprünglich vom Berliner Volksmund verwendet (so auch Zeitzeuge Adolf Arndt (SPD)) – in Bezug auf das viele zerbrochene Glas und Kristall in Synagogen und jüdischen Geschäften. Dieses Wort, eigentlich in sich distanzierender und kritisierender Bewertung verwendet, wurde später (Wilhelm Börger) von den Nationalsozialisten propagandistisch entfremdet. Man versteht darunter vom nationalsozialistischen Regime organisierte und durchgeführte Gewaltmaßnahmen im November 1938 gegen Juden im Deutschen Reich. In den Tagen zwischen dem 7. und 13. November 1938 wurden ca. 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Dabei wurden mehr als 1400 Synagogen, Versammlungsräume, Wohnungen, Geschäfte und jüdische Friedhöfe zerstört. Der nationalsozialistische Terror breitete sich immer weiter aus.

Was führte zur Reichskristallnacht?

Die Reichskristallnacht wurde von der NS-Propaganda als eine Reaktion spontanen Volkszorns auf die Ermordung eines deutschen Diplomaten durch einen Juden dargestellt. Doch tatsächlich war es der Beginn der Zwangsenteignung jüdischen Besitztums zur Finanzierung der deutschen Aufrüstung. Der Zeitpunkt der Reichskristallnacht hing eng mit Hitlers Kriegsplänen zusammen.

Vorzeichen für die Reichskristallnacht

Der Leiter des Zentralbüros für die Ansiedlung der Juden aus Deutschland in Jerusalem, Georg Landauer, erwähnte in einem Brief vom 8. Februar 1938 an einen anderen zionistischen Funktionär, dass es in Deutschland in naher Zukunft Pläne für ein dramatisches Pogrom gäbe. Er berief sich dabei auf eine private, verlässliche Quelle. Im Juni 1938 wurden jüdische Geschäftsinhaber in Berlin angewiesen, ihre Namen in weißen Buchstaben am Schaufenster anzubringen. Dies erleichterte die Zerstörung in der Reichskristallnacht. Ab dem Sommer 1938 mussten Juden Kennkarten mit den Zweitnamen “Sara” (Frauen) und “Israel” (Männer) bei sich tragen und ab dem 5. Oktober ein rotes “J” in ihre Sonderausweise stempeln lassen. Dies erleichterte eine schnelle Deportation. Bis zum Oktober wurden die drei größten deutschen Konzentrationslager in Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen als Vorbereitung für die Reichskristallnacht ausgebaut.

Die Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938

Bei einem Essen im Alten Rathaus in München erfuhr Hitler vom Attentat auf den Diplomaten in Paris, ein willkommener Vorwand für die Reichskristallnacht. Er besprach sich sofort mit Goebbels, der beim Essen anwesend war. Dieser gab um 22 Uhr die Nachricht den versammelten Partei- und SA-Führern bekannt. Er bezeichnete das Attentat als jüdische Weltverschwörung und lobte die “spontanen” judenfeindlichen Aktionen im Reich, bei denen auch Synagogen in Brand gesteckt wurden. Dies wurde von den anwesenden SA-Führern und Gauleitern als Aufforderung zum organisierten Handeln gegen jüdische Einrichtungen verstanden und leitete die Reichskristallnacht ein.

Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 102-14468 / CC-BY-SA, Wikipedia