Heute ist es so weit. Der Zeitzeugenbericht “Fontane sagte nichts dazu” ist in seinen letzten Zügen. Silvia Friedrichs wunderbares Zeitzeugnis endet mit diesem Teil.

Wir hoffen, das Zeitzeugnis hat allen Lesern gefallen und konnte zum Nachdenken anregen.

Gerne können Sie noch einmal den vorherigen Teil unter “Zeitzeugenbericht Teil 6” lesen oder sich den kompletten Bericht unter dem Reiter “Zeitzeugenberichte” ansehen.

Damit wünschen wir ein letztes Mal viel Freude beim Lesen und Verfolgen der Erfahrungen dieser Zeitzeugin.
Die ZeitzeugenBerlin Redaktion

“Fontane sagte nichts dazu”

“Während unserer Unterhaltung hörte ich plötzlich den Begriff “Fidschis” fallen. Ich glaubte, mich verhört zu haben. Dieses Wort aus diesem feinsinnigen Mund? Als ich mich von dem Schrecken erholt hatte, fragte ich ihn, warum er so einen Begriff verwendete. Warum so eine Diskriminierung, Arroganz anderen Völkern gegenüber?
Der Junge glaubte, eine Erklärung zu haben: “Sie kommen in unser Land und kriegen sofort Mofas, sie kriegen alles und wir nichts.” ,sagte er und ich saß da und schwieg eine Weile.
Ob es ihm nicht vielleicht nur so vorkäme, fragte ich. Das sei doch kein Grund, andere Menschen so zu bezeichnen. Er ließ sich nicht davon abbringen.
“Die kriegen und wir nicht”, stand in seinem Gesicht.

Dann kam der November 1989.

Oft denke ich an den Jungen, wenn wieder ein Mensch zusammengeschlagen wurde, weil die Hautfarbe nicht zu den inneren Werten eines Ex-Bürgers der DDR passte. Oder Abayomi aus Afrika sterben muss, weil er irgendeinem Enrico aus Chemnitz irgendein Mofa weggeschnappt hatte.
Ich trennte mich endgültig von der Familie, als die Mutter begann, der DDR nachzuweinen. “Alles war so gemütlich, so sicher, so gut überwacht, nicht gefährlich, wir hielten zusammen.”
Ich erwartete ein “OHGOTTOGOTT” aus ihrem Mund, aber dann fiel mir ein, dass man ihr in ihrem Staat beigebracht hatte, das Opium fürs Volk zu meiden. Sie war ein treuer Staatsbürger gewesen. Ein Bürger, der wirklich glaubte, dass die Mauer ein Schutzwall war, da sonst die Bösen kämen und die gut Ausgebildeten gingen. Für sie brach eine Welt zusammen. Da halfen auch die gutgefüllten Supermärkte nichts.
Ich bin gegangen, bevor mir schlecht wurde. Vielleicht war das falsch.”
Der Zeitzeugenbericht “Fontane sagte nichts dazu” erschien in:
Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten
Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-08-1
180 Seiten
30 Farbfotos