Der Zeitzeugenbericht “Fontane sagte nichts dazu” von Sylvia Friedrich geht langsam dem Ende entgegen. Die spannende Passage erzählt von dem geteilten Land und den Empfindungen einer jungen Zeitzeugin.
Doch um nichts vorweg zu nehmen und die Zeitzeugin sprechen zu lassen, kommt hier der nächste Teil.
Zum letzte Kapitel des Berichts kommen Sie durch einen Klick auf “Zeitzeugenbericht Teil 4” und alle anderen Abschnitte des Textes finden Sie hier: “Zeitzeugenberichte“.

Ein interessantes Leseerlebnis wünscht
die ZeitzeugenBerlin Redaktion.

“Fontane sagte nichts dazu”

“Ich suchte das unschuldige Deutschland.
Warum ausgerechnet hier, kann ich nicht genau sagen. Kudamm und Fehrbelliner Platz boten wenig Raum für Träume dieser Art. Vielleicht deswegen. Vielleicht, weil sich hier das Zentrum befand, weil Zille hier in den Kneipen gemalt hatte und Gerhart Hauptmann im Adlon seinen Fünfzigsten feierte. Weil Claire Waldoff in den Spelunken ihre Gassenhauer schmetterte und Marlene Dietrich sich im Adlon bei Joseph Sternberg vorstellte. Weil Einstein eine Stelle in der Preußischen Akademie der Wissenschaften hatte und Max Liebermann Präsident der Akademie der Künste gewesen war. Weil ein Magnus Hirschfeld das erste Institut für Sexualforschung im Tiergarten gegründet hatte und Max Planck die Physik revolutionierte. Was für eine Stadt, was für ein Land musste das gewesen sein? Auch mein Land, von dem jetzt nur noch zwei Teile übrig waren. Ein Land so zerrissen wie das Volk.
Ich suchte etwas, das es einmal lange vor diesem Krieg gegeben haben musste, in dem man nicht nach der Weltanschauung, der Religion beurteilt wurde und nicht nach der Herkunft. Die Heimat Friedrichs des Großen, der seine Bewohner nach ihrer Fasson selig werden ließ. Ein Deutschland, so wie es war, bevor die Nazis die Welt in den Abgrund stürzten.
Die DDR hatte ihre Republik zum richtigen und unschuldigen Nachfolgedeutschland erklärt, aber glauben konnte ich ihnen nicht. Ich wollte auf eigene Faust die Spuren unserer gemeinsamen Vergangenheit finden. Aufspüren, was noch da war von diesem Deutschland der Wissenschaft und Literatur, einem Land, auf das man hätte stolz sein können.
Das war der Grund, die Demütigungen an der Grenze auszuhalten.”

 

Wenn Sie gleich weiter lesen möchten, dann kommen Sie direkt zum nächsten Teil:
“Zeitzeugenbericht Teil 6″

Die Geschichte “Fontane sagte nichts dazu” erschien in:
Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten
Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-08-1
180 Seiten
30 Farbfotos