Wieder gibt es einen neuen Abschnitt von Silvia Friedrichs Zeitzeugenbericht “Fontane sagte nichts dazu” zu lesen.
Die Erlebnisse des jungen Mädchens, welches immer wieder über die Grenze zu ihren Verwandten ging, sind ein ganz besonderes Zeitzeugnis.
Wer den Anfang des Zeitzeugenberichts nachlesen möchte, der kann alle Teile unter “Zeitzeugenberichte” finden. Den vorherigen Teil finden Sie hier: Zeitzeugenbericht Teil 3

In diesem Sinne wünscht ZeitzeugenBerlin.de viel Spaß beim Lesen des Zeitzeugenberichts “Fontane sagte nichts dazu”.

“Fontane sagte nichts dazu”

“Seine Gestalt, die vorher wie ein Teil des Mauerwerkes am Steinpfosten des Zaunes klebte, löste sich ruckartig, begann schnellen Fußes auf mich zuzuschreiten, forderte meinen Ausweis und verschwand damit. Er hatte sich in die Botschaft verzogen und ward nicht mehr gesehen. Und ich stand da. Ohne Ausweis und Ausreisepapiere. Auf einmal eingesperrt.
Würde er wiederkommen?
Wie lange müsste ich hier stehen bleiben?
Warum das Ganze?
Nach einer endlosen Weile des Hin- und Hergehens auf eineinhalb Quadratmetern Pflastersteinen, denn weg konnte ich ja nicht, kam er wieder. Wortlos gab er mir die begehrten Papiere zurück. Keine Silbe der Erklärung, keine Entschuldigung für das lange Warten, kein Lächeln. Mit eingezogenem Kopf schlich ich von dannen.
Warum nur trieb es mich immer wieder in diesen Überwachungsstaat?
Doch so absurd die Vorstellung auch war, sich freiwillig in so eine Umgebung voller Demütigungen zu begeben. Leicht hätte ich jedem, der mich danach fragte, eine Antwort geben können.
Es war die Neugier auf das Deutschland von vorher und das alte, ehemalige Berlin. Die unbändige Sehnsucht, etwas von dem Glanz der Zwanziger Jahre zu erhaschen, der Metropole nahe rücken zu dürfen, die einmal der bedeutendste Zwischenstopp auf dem Weg von Moskau nach Paris war. Ein wenig Potsdamer Platz erahnen, von dem nichts mehr übrig war, das Haus Vaterland, der Potsdamer Bahnhof, die erste Ampelanlage der Welt. Ein wenig sich Schloss und Hohenzollernprunk vorzustellen, Lustgarten und das, was davon übrig war. Der Dom, die Friedrichstraße, der Gendarmenmarkt, den man nun frech einen Platz der Akademie nannte. Welcher Akademie, fragte ich mich beim Überschreiten dieser gepflasterten Ebene, die den Charme einer Vorstadtplattenbausiedlung verströmte. Einer der ehemals schönsten Plätze Europas, auf dem man nach den Barrikadenkämpfen die Toten der 1848er Revolution aufgebahrt hatte, wirkte tot auf mich. Da halfen auch die baulichen Bemühungen zu Berlins 750 Jahr Feier im Jahre 1987 wenig. Einzig das Schauspielhaus ließ ein wenig Raum für Erinnerungen. Das Schinkelsche Genie schien unzerstörbar.”

Wer den Abschnitt der Geschichte spannend fand, der kann direkt unter Zeitzeugenbericht Teil 5 die Geschichte weiter verfolgen.

 

Die Geschichte “Fontane sagte nichts dazu” erschien in:
Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten
Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-08-1
180 Seiten
30 Farbfotos