17. Juni 1953 – Ein Ausnahmezustand

Der Ausruf des Ausnahmezustands in Ost-Berlin war nur eine Folge des Aufstands am 17. Juni 1953. Joachim Rudolph erlebte den Aufstand mit und berichtet als Zeitzeuge in “Meine Erinnerungen an den 17. Juni 1953″ über Geschehnisse rund um den 17. Juni 1953.
Wer den ersten Teil noch nicht gelesen hat, kann das hier nachholen.

“Meine Erinnerungen an den Aufstand des 17. Juni 1953″

Am späten Vormittag erreichten wir den Marx-Engels-Platz (ehemaliger Schlossplatz) – ein großer Platz, auf dem an besonderen Feiertagen (1, Mai, 7. Oktober als Gründungstag der DDR etc.) die Bevölkerung an einer großen Holztribüne vorbeiziehen musste, auf der sich die Regierungs- und Politbüromitglieder der SED feiern ließen. Der Platz war gefüllt mit Tausenden von Menschen. Großer Jubel brach aus, als sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete, die Arbeiter des Stahlwerks Henningsdorf (DDR) würden über den kürzeren Weg durch West-Berlin bald durch das Brandenburger Tor kommen.

Plötzlich war ein lautes Brummen von Motoren zu hören, das immer stärker wurde. Und dann bog ein sowjetischer Panzer mit blauen Auspuffwolken um die Ecke, dem weitere folgten – eine gespenstische Szene. Die Arbeiter versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Meinem Freund und mir gelang es, die Holztribüne zu erreichen. Natürlich hatten wir große Angst und versuchten, schnellstmöglich nach Hause zu kommen.

Der Heimweg führte uns am Polizeipräsidium in der Königsstraße vorbei. Viele aufgebrachte Menschen standen vor dem Präsidium, die ihrem Unmut in Sprechchören Ausdruck gaben. Es war kein Durchkommen möglich. Plötzlich hörten wir laute Knallgeräusche. Waren es Schüsse aus Feuerwaffen? Wir flüchteten mit Anderen zusammen in einen Hausflur. Nachdem sich die Situation beruhigt hatte und wir wieder auf die Straße traten, sahen wir brennende Polizeifahrzeuge vor dem Polizeipräsidium. Wahrscheinlich waren die Ursache der Geräusche die explodierenden Autoreifen.

Auf dem Heimweg, es war gegen 14 Uhr, sahen wir dann an allen Litfaßsäulen frisch geklebte Plakate: Der Ausnahmezustand war in Ost-Berlin verhängt worden! Damit war ab sofort verboten, dass sich Gruppen von mehr als 3 Personen auf öffentlichen Straßen zusammenfinden. Weiterhin war jeglicher Fußgänger- und Kraftfahrzeugverkehr von 21 Uhr bis 5 Uhr morgens auf Straßen und Plätzen verboten. Und weiter hieß es: “Diejenigen, die gegen den Befehl verstoßen, werden nach den Kriegsgesetzen bestraft.” Unterzeichnet war dieser Befehl vom “Militärkommandant des Sowjetischen Sektors von Berlin, Generalmajor Dibrowa”.

Zu Hause angekommen warteten alle auf den Abend. Was wird passieren? Kurz nach 21 Uhr kamen weitere sowjetische Panzer und viele Mannschaftswagen mit sowjetischen Soldaten und Kriegsgerät in Richtung Innenstadt.

Am folgenden Tag waren alle großen Strassenkreuzungen und Plätze mit Panzern und/oder Mannschaftswagen besetzt. Sowjetische Soldaten saßen auf oder vor ihren Fahrzeugen. Sie hatten dort die Nacht zugebracht und wurden von ihren Kameraden verpflegt. Rauch stieg aus den Schornsteinrohren der Feldküchen. Der öffentliche Verkehr war zum Erliegen gekommen, und die Grenzen nach West-Berlin waren geschlossen. Nach ca. 10 Tagen wurde der Ausnahmezustand aufgehoben und die sowjetischen Soldaten wurden abgezogen. Die DDR- Regierung übernahm wieder die Staatsgewalt.

In den DDR-Medien wurde der Volksaufstand des 17. Juni 1953 als “konterrevolutionärer Putschversuch” deklariert. Die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen hätten durch ihr “entschlossenes Eingreifen” die “Absichten des Imperialismus” durchkreuzt. Die Mehrheit der “irregeleiteten” Werktätigen habe sich bald von den Putschisten abgewandt und begann zu erkennen, dass sie gegen ihre eigenen Interessen gehandelt habe.

Im Zusammenhang mit den Ereignissen des 17. Juni wurden in den folgenden Wochen mehrere tausend DDR-Bürger verhaftet und zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt. 22 Todesurteile wurden vollstreckt. Die “öffentliche Ordnung” war wieder hergestellt.
Damit endet “Meine Erinnerungen an den des 17. Juni 1953″ von Joachim Rudolph.
An dieser Stelle noch einmal großen Dank an ihn und seinen Bericht über den Aufstand des 17. Juni 1953.

Wer gerne noch mehr Zeitzeugenberichte lesen möchte, der kann andere Geschichten unter dem Reiter Zeitzeugenberichte  finden. Dort werden regelmäßig verschiedene Berichte über die Zeit vor, nach und während der Berliner Mauer veröffentlicht.
Auch wer über seine eigene Geschichte schreibt, kann diese gern an ZeitzeugenBerlin.de senden und vielen Anderen die eigenen Erlebnisse näher bringen.