Joachim Rudolphs Erlebnisse am 17. Juni 1953

Der Zeitzeuge Joachim Rudolph berichtet über den Aufstand des 17. Juni 1953. Er war damals erst 14 Jahre alt und beschreibt in “Meine Erinnerungen an den 17. Juni 1953″, wie es ihm ergangen ist.
ZeitzeugenBerlin.de hat die Möglichkeit, seinen Erlebnisbericht zu veröffentlichen und so die Geschehnisse des 17. Juni 1953 nicht nur mit statischen Informationen, sondern mit lebendiger Geschichte wiederzugeben.
“Meine Erinnerungen an den 17. Juni 1953″ ist ein bewegender Bericht, welcher damit beginnt, wie sich der junge Joachim Rudolph den ersten Anhängern des immer größer werdenden Demonstrationszuges anschließt. Er erlebte den Arbeiteraufstand in der ehemaligen DDR mit und gibt nun allen die Möglichkeit, an seinen Erfahrungen teilzuhaben.

“Meine Erinnerungen an den Aufstand des 17. Juni 1953″

Im Dezember 1938 wurde ich in der Grenzmark Posen-Westpreußen (ehemalige deutsche Ostgebiete, heute Polen) geboren. Mein Vater wurde bei unserem Fluchtversuch mit einem Pferdewagen im April 1945 gefangen genommen und verstarb wenige Wochen später in einem sowjetischen Internierungslager. Im Juli 1945 mussten wir endgültig unsere Heimat verlassen (Vertreibung). Zu Fuß, mit einem Handwagen, auf dem meine, an beiden Beinen verwundete, Großmutter und meine zweijährige Schwester saßen, erreichten wir nach ca. 120 km Fußweg im November 1945 Ost-Berlin. Und hier erlebte ich am 17. Juni 1953 den Volksaufstand in der DDR.

Am Nachmittag des 16. Juni 1953 kam es zu einer spontanen Arbeitsniederlegung der Bauarbeiter in der Stalinallee. Unmittelbarer Anlass war neben der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Unzufriedenheit die Erhöhung der Arbeitsnormen zum 20. Juni 1953, dem sechzigsten Geburtstag von Walter Ulbricht. In Diskussionen wurde von den Arbeitern der Beschluss gefasst, für den 17. Juni 1953 zum Generalstreik in der gesamten DDR aufzurufen.

In den DDR-Medien hieß es am Abend des 16. Juni, westdeutsche “Agenten und Saboteure” wollten Unruhe in der DDR-Bevölkerung provozieren. In den westlichen Medien wurde von einem Volksaufstand berichtet, zu dem die Bauarbeiter für den folgenden Tag in der gesamten DDR aufgerufen hätten. Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Bevölkerung der DDR.

Den 17. Juni 1953 erlebte ich als Vierzehnjähriger. Ich hatte mich mit einem Schulfreund verabredet. Gegen 8 Uhr trafen wir uns vor unserer Haustür in der Greifswalder Straße. Wir schlossen uns einem Demonstrationszug an, der sich, aus Weißensee kommend, in Richtung Innenstadt bewegte.

Aus den Fenstern einer Schuhfabrik wurde der Demonstrationszug von vielen Frauen beobachtet. Sie riefen, ihre Betriebsleitung hätte die Eingangstüren und – tore verschlossen. Demonstranten brachen daraufhin die Türen auf, und viele der Arbeiterinnen schlossen sich dem Demonstrationszug an. Der Zug wurde immer größer, je näher wir der Innenstadt kamen.

An der Ecke Dimitroffstraße kreuzte eine Straßenbahn. Arbeiter aus dem Demonstrationszug entwendeten dem Fahrer die damals noch für das manuelle Umstellen der Weichen erforderliche Stahlstange und forderten das Fahrpersonal und die Fahrgäste auf, sich dem Zug anzuschließen.

Der Demonstrationszug passierte den Rosentaler Platz. Dort befand sich das Parteigebäude der SED. Die gläserne Front der Eingangstüren war durch herabgelassene Stahlgitter versperrt. Hinter den Gardinen der Fenster sah man vereinzelt verängstigte Gesichter auf die Straße blicken. Auf der Straße herrschte eine emotional aufgeladene Stimmung. Ein Mann, der im Krieg ein Bein verloren hatte, machte seiner Wut Luft, stieß mit seinen Krücken durch die Stahlgitter und zerstörte die Glastüren. Andere rüttelten an den Stahlgittern.

Das Ende der Geschichte können Sie gleich im zweiten Teil nachlesen!
Zeitzeugenbericht: 17. Juni 1953 (Teil 2/2)