Heute wird hier der erste Teil aus dem Zeitzeugenbericht “Fontane sagte nichts dazu” veröffentlicht.

Um was es geht:

Die Geschichte von Silvia Friedrich erzählt in der Ich-Form, wie ein junges Mädchen in den 1980ern ihre Familie in der DDR wiederfand. Es war, als würden sich Fremde treffen und alle versuchten das Gefühl zu ignorieren und die Zeit der Berliner Mauer und der Teilung Deutschlands zu vergessen. Insbesondere sie selber als jemand, der nicht in der DDR aufgewachsen war, versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie glücklich sie nach jedem Besuch war, “diesen Käfig” wieder verlassen zu können.
Als sie später nach Berlin zog war die Grenze, die alles in zwei Teile teilte, gleich nebenan. So wurde sie zur direkten Zeitzeugin. Das Mädchen war neugierig und wollte wissen, was das für ein Land war, welches ihr Vater verlassen hatte.
Die Zeitzeugin berichtet in “Fontane sagte nichts dazu” natürlich auch von Fontane, der in Form einer Statue inmitten eines Platzes stand und, erhaben wie er war, keine Frage beantwortete.

Bei Zeitzeugenberlin wird die gesamte, bis jetzt online unveröffentlichte Geschichte publiziert.

Viel Freude beim Lesen
wünscht die ZeitzeugenBerlin Redaktion

“Fontane sagte nichts dazu” Teil 1

“Da die Tante noch mehr Verwandte zu bieten hatte, die ich dann auch noch kennenlernen durfte, sah ich zum ersten Mal einen Plattenbau von innen. Viel Platz gab es nicht und alles war furchtbar vollgestopft mit Sammelobjekten wie Bierdosen (auch welche aus dem Westen), Kunstblumen, Bildchen und Wimpeln verschiedener Couleur auf Holzregalen bis hoch unter die Zimmerdecke. Alles hatte hier seinen Platz, aber größer hätte dieses “Alles” nicht sein dürfen, denn sonst wäre die Drei-Raumwohnung geplatzt.
Die Cousine dritten Grades ging in die Küche, öffnete ein 100g-Beutelchen Rondo-Kaffee und erzählte, dass es ein großes Privileg wäre, hier zu wohnen, wie lange es gedauert hatte, diese Wohnung zu bekommen und wie viel Mühe es gekostet hatte damals, immer vom Land mit Kinderwagen und Bus morgens um fünf in die Stadt zur Arbeit zu fahren. Nun war es geradezu paradiesisch und die kleinen Versorgungsengpässe seien zu verschmerzen. Und ich glaubte ihr jedes Wort angesichts der Häuser in den Dörfern rundherum, an denen der Putz aus der Vorkriegszeit abbröckelte.”

 

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Eine Übersicht von allen Teilen des Zeitzeugenberichts finden Sie hier.

 

“Fontane sagte nichts dazu” erschien in:
Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten
Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-08-1
180 Seiten
30 Farbfotos