„Was für eine vorzügliche Einrichtung, dass die Gedanken nicht als sichtbare Schrift über unsere Stirne laufen.“

 

Zur Eröffnung des Blogs möchte ich eine berühmte Berliner Zeitzeugin vorstellen. Aus gegebenem Anlass (20 Jahre Mauerfall) fällt die Wahl nicht schwer und deshalb auf eine der wichtigsten Autorinnen deutscher Literatur:

 

Christa Wolf

(*18. 03. 1929)

Christa Wolf

Sie wird am 18. März 1929 als Tochter des Kaufmanns Otto Ihlenfeld und seiner Frau Herta in Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski, Polen) geboren. Sie hat einen drei Jahre jüngeren Bruder.

In Landsberg an der Warthe besucht sie bis kurz vor Kriegsende die Schule. Nach der Vertreibung durch die anrückende Rote Armee findet die Familie 1945 vorerst in Gammelin (Mecklenburg) eine neue Heimat. 1947 ziehen die Wolfs nach Bad Frankenhausen (Thüringen), wo Christa zwei Jahre später die Oberschule mit dem Abitur beendet. Im selben Jahr wird sie Mitglied in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), in der sie bis Juli 1989 Mitglied bleibt. Von 1949 bis 1953 studiert sie in Leipzig und Jena Germanistik. Ihre Diplomarbeit schreibt sie über Hans Fallada.

Im Jahr 1951 heiratet sie den Schriftsteller Gerhard Wolf. Ein Jahr später wird ihre erste Tochter (Annette) geboren, vier Jahre später ihre zweite Tochter Katrin (‘Katinka‘).

Die ersten Veröffentlichungen

Nach dem Studium zieht sie nach Berlin und arbeitet von 1953 bis 1959 als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband. Außerdem arbeitet sie als Lektorin für verschiedene Verlage (vor allem als Cheflektorin beim Verlag Neues Leben) und als Redakteurin der Zeitschrift Neue Deutsche Literatur.

1959 zieht sie für drei Jahre mit ihrem Mann nach Halle/Saale, wo sie als  freie Mitarbeiterin des Mitteldeutschen Verlages tätig ist. 1961 folgt die Veröffentlichung ihres ersten Prosawerks Moskauer Novellen, das in der DDR große Beachtung findet, in der BRD jedoch nicht verlegt wird.

1962 zieht die Familie nach Kleinmachnow bei Potsdam und sie arbeitet fortan als freie Schriftstellerin. Ihren ersten großen Erfolg feiert sie mit dem Roman Der geteilte Himmel, für den sie 1963 mit dem Heinrich-Mann-Preis geehrt wird. Im Folgejahr wird das Buch verfilmt.

Ab 1963 ist sie vier Jahre lang Kandidatin des Zentralkomitees der SED. Ihr Folgeroman Nachdenken über Christa T. etabliert ihre Stellung als bedeutende Autorin, auch wenn die Partei das Fehlen eines Regierungskonformen Endes kritisiert. Im Jahr 1974 wird die Schriftstellerin in die Akademie der Künste der DDR aufgenommen und ab 1981 ebenfalls in die Akademie in West-Berlin.

Leben und Schreiben in Berlin

1976 zieht sie zurück nach Berlin. Im selben Jahr ist sie Mit-Initiatorin des Protests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, was zum Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR führt. Trotz allem genießt sie Reisefreiheit und kann von 1978 an Gastvorträge in der Bundesrepublik, Italien, Schottland, der Schweiz und den USA halten.

1983 veröffentlicht sie die Erzählung Kassandra, ihr größter internationaler Erfolg, der sie zur gesamtdeutschen Autorin macht.

Der Mauerfall und Rückzug aus der Politik

Fünf Monate vor dem Mauerfall tritt sie im Juni 1989 aus der SED aus und hält am 4. November ihre berühmte Rede „Sprache der Wende“ auf dem Berliner Alexanderplatz.

Sie und andere Intellektuelle wie Volker Braun und Stefan Heym argumentierten gegen eine Vereinnahmung der DDR durch die Bundesrepublik und für das Weiterbestehen einer unabhängigen Republik.

Nach der Wende greift man Wolf von westdeutscher Seite her als „Staatsdichterin“ und „Heuchlerin“ an.

Sie zieht sich aus der politischen Öffentlichkeit zurück und bekennt sich 1993 zu ihrer Tätigkeit als informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit von 1959 bis 1962. Sie schrieb insgesamt drei Berichte, welche die behandelten Personen jedoch nur positiv darstellten.

Die vielen öffentlichen Diskussionen und die Anschuldigungen setzten ihr vor allem gesundheitlich zu. Sie versucht den Medien mit Aufenthalten in den USA zu entkommen und verarbeitet diese Zeit in ihrem Roman Leibhaftig.

2002 erhält Christa Wolf den Deutschen Bücherpreis für ihr Lebenswerk.

Heute lebt sie mit ihrem Mann in Berlin-Pankow und im Sommer in ihrem Landhaus in Mecklenburg-Vorpommern.

Zum Werk:

Christa Wolf ist eine der wichtigsten deutschen Schriftstellerinnen der Gegenwart.

Schon früh entwickelt sie ihren eigenen Ausdrucksstil, der sich vom Sozialistischen Realismus abgrenzt. Ihre subjektive Erzählweise spiegelt auch immer die Auseinandersetzung mit sich selbst wider. In fast allen Werken dreht es sich um Frauen, die sich gegen die männlich dominierte Gesellschaft auflehnen und sie durchbrechen.

Zu den Hauptthemen ihres vielschichtigen Werks gehören Emanzipation, Moral, Identität und Gesellschaftskritik.

Für ihre Veröffentlichungen wird sie mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht (u.a. Georg-Büchner-Preis, 1980; Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur, 1985; Deutscher Bücherpreis, 2002).

 

Günter Grass sagt über sie:

„Sie ist eine von den vielen Autoren, die dazu beigetragen haben, dass bei allem, was geteilt wurde -wirtschaftlich, politisch, ideologisch- die Teilung im Bereich Kultur nicht so absolut vollzogen werden konnte.“

 

Weitere Links zu Christa Wolf:

Foto: Christa Wolfs Rede am Alexanderplatz (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-060 / Link, Hubert / CC-BY-SA)